DIE GROßE IRRITATION

von Manuela Dix, Kunsthistorikerin

 

Plötzlich und unvermittelt steht sie da! Einfach so auf dem Couchtisch, als gehörte sie schon immer da hin. Doch eigentlich hat eine Handgranate nichts auf einem Glastisch zu suchen und schon gleich gar nicht in einem Wohnzimmer. Doch mit ihrer glänzenden Oberfläche aus glatten, schneeweißem Porzellan hat sie sich einfach in die letzte Bastion der Gemütlichkeit gedrängt, als wäre sie eine schickes Designobjekt aus dem letzten Manufactum-Katalog. Und wer mag es ihr verdenken? Ihr Äußeres ist überaus ansprechend – ein edles Material, das sich so gut neben den silbernen Kerzenleuchtern macht. Doch irgend etwas stört die Eintracht. So recht will sich keine Behaglichkeit in Gegenwart dieses Gegenstandes einstellen. Es ist das Objekt an sich, das den Betrachter immer wieder daran erinnert, dass er es nicht mit einem schicken Designerstück zu tun hat, sondern mit einem Kunstwerk.
Das Faszinierende an dieser Handgranate sind die diversen Widersprüche, die sie in sich vereint. Zunächst sticht die Ästhetik des Materials ins Auge: Porzellan, ein Werkstoff, der üblicherweise für schöne, dekorative Dinge verwendet wird. Dem gegenüber steht ein Gefühl der Abscheu, das sich einstellt in Zusammenhang mit dem Gedanken an eine Waffe. Mehr noch: das anheimelnde Wesen schöner Designobjekte, das dem Stoff Porzellan zugeschrieben wird, steht im krassen Gegensatz zu der Angst, die unwillkürlich auftaucht, wenn man sich mit einer derartigen Waffe konfrontiert sieht. Doch diese Handgranate ist harmlos – vielmehr noch: sie ist zu allererst einmal lächerlich. Denn die diesem Instrumentarium inhärente Zerstörungskraft ist ihm vollständig genommen worden. Es besteht sogar die Gefahr, dass das Objekt selbst beschädigt werden könnte, da Porzellan überaus fragil ist. Auch im Innenleben der Handgranate setzen sich die Gegensätze fort. Eine Füllung aus Lachgas, das sich durch eine schmerzstillende Wirkung auszeichnet, ist angesichts der Zerstörungskraft der eigentlichen Waffe eine mehr als zynische Entgegnung.
Zynismus ist das Wort, das sich wie ein roter Faden durch Cosima Göpferts Werk zieht. So bewegt sie sich in ihren Arbeiten immer wieder zwischen Ernst und Humor, wobei sie nie die Schwelle zur Lächerlichkeit überschreitet. Eher begibt sie sich auf das nicht ungefährliche Gebiet des Galgenhumors, in dem sie sich souverän auszukennen scheint. Es ist die Ernsthaftigkeit der Themen, die die Arbeiten davor bewahren, in der Belanglosigkeit zu verschwinden. Doch kommen diese nicht mit dem moralischen Zeigefinger daher. Göpfert versteht es, die äußert komplizierte Balance zu halten, wenn sie unter dem Deckmantel der Komik relevante Themen der Gegenwart anspricht. Dadurch gelingt ihr, dem Betrachter durch ihre treffsicheren Kommentare zu aktuellen Diskursen eigentlich gehaltvolle Kost zu servieren, wie etwa in ihren Arbeiten, die sich mit aktuellen Geschlechterdiskussionen auseinander setzt. In Wie lieb von dir begegnen wir erneut dem Porzellan, diesmal in Form eines ungewöhnlichen „Blumenstrauß‘“
, der sich bei näherer Betrachtung als ein Bund an Barbiebeinen zu erkennen gibt. Unwillkürlich schießen in Verbindung mit dem Titel Assoziationen wie: Was schenkt ein Mann einer Frau heute? Sind Blumen noch angebracht oder gilt das schon als anachronistische Unterdrückungsgeste des Mannes? Gleichzeitig ist die Figur der Barbiepuppe immer noch ein Symbol des völlig verschobenen Schönheitsideals heutiger Frauen, das es selbstverständlich anzuprangern gilt. Doch was gilt als schön und welche Vorstellung von schön haben Männer? Doch sollte man sich eben nicht an den Idealen der Männer orientieren? Männer wollen doch nur das Eine! Eine schöne, unangestrengte, schlanke Frau! Und das am liebsten im Dutzend! Damals, als Frauen zu Hause blieben, immer nett geKLEIDet waren und kleine Aufmerksamkeiten noch schätzen wussten. Das waren noch Frauen, wie Mann sie sich vorstellt. Rein und unschuldig, wie das weiße Porzellan, aber gleichzeitig schön und sexy mit langen, wohlgeformten Beinen.
Doch nicht nur die Frauen haben Schwierigkeiten in der Findung ihrer Identität in einer Gegenwart, in der alles kann aber nichts muss. Auch der heutige Mann hat so seine Probleme, die natürlich mit seinem Ego zu tun haben. So demonstriert ihr Narziss, der in der Mythologie an seiner eigenen Eitelkeit zugrunde geht, wie das männliche Selbstverständnis unter den geänderten Verhältnissen leidet. Daher kann die Verunsicherung des Mannes nur in Gestalt eines deformierten Penisses daherkommen. An keinem anderem Körperteil lässt sich die Quasikastration des „starken Geschlechts“ besser versinnbildlichen, wenn die heutige junge, gut ausgebildete Frau ihr Schicksal in die eigene Hand nimmt und die ihr bis vor nicht allzu langer Zeit verwehrte Karriere verfolgt. So bleiben die zutiefst irritierten jungen Männer in ihren „Kinderzimmern“ zurück und versuchen damit klarzukommen, dass die althergebrachten Rollenklischees plötzlich nicht mehr gelten sollen, während Mutti unten in der Küche das Essen vorbereitet. Denn: „Was soll der Junge denn noch alles machen? Er geht ja schon arbeiten. Da kann er nicht auch noch Kochen lernen“.
Bevorzugt geschieht diese Flucht der jungen Damen in die finanzielle Unabhängigkeit in den noch immer „Neue Bundesländer“ genannten Regionen und hier hauptsächlich auf dem Land. Da passt es nur zu gut, dass Cosima Göpfert eben dies in einer weiteren Arbeit thematisiert. Das „Gesellschaftsspiel für Jung und Alt“ mit Namen Ködderschd verweist auf das Phänomen der Landflucht. Schauplatz ist der Ort Ködderitzsch – ein Name wie eine Ohrfeige. Wenn man hier aufgewachsen ist, gibt es nur einen Weg: raus und zwar ganz weit weg; und genau das ist das Ziel dieser scheinbar heiteren Familienunterhaltung. Auch hier lässt sich hinter der heiteren Fassade ein Reflektieren über aktuelle Tendenzen der unmittelbaren Wirklichkeit erkennen.
Mit Ihrem Witz verschleiert die Künstlerin die Irritationen und Schieflagen der Gesellschaft. Aber wir haben es hier nicht mit einer rosaroten Wolke der Harmonie zu tun. Stets lauert unter dem humorvollen Mäntelchen ein bissiger und bitterböser Kommentar, der dem Betrachter das Lachen im Halse stecken bleiben lässt und ihn letzten Endes doch wieder auf den Boden der Tatsachen zurück holt. Mit einer abgeklärten Dreistigkeit spricht Cosima Göpfert Dinge an, bei denen man in Gesprächen zumeist betroffen auf den Boden blickt und schleunigst zu unverfänglichen Themen wie dem Wetter wechselt. Doch hier gibt es kein Ausweichmanöver. Das verlegene Lachen wird im Keim erstickt und muss sich der kalten Realität stellen – ebenso wie der Endzwanziger, der irgendwann erkennen muss, dass es bei Mutti doch nicht am Schönsten ist und Frauen nicht unbedingt nur kochen und schön aussehen wollen.