THE OTHER SIDE

Laudatio zur Ausstellung auf Burg Ranis

von Manuela Dix, Kunsthistorikerin

 

Guten Abend meine Damen und Herren,

 

ich freue mich nun schon zum zweiten Mal die Ausstellung im Rahmen der Literaturtage auf der Burg Ranis eröffnen zu dürfen und das mit einer Künstlerin, deren Werk nicht nur – wie man so schön sagt – „erfrischend anders“ ist, sondern mich immer wieder aufs Neue fasziniert und mich neue Arbeiten stets mit Spannung erwarten lassen. Das künstlerische Schaffen von Cosima Göpfert ist meines Erachtens einzigartig in der Thüringer Kunstlandschaft und zeichnet sich durch Originalität, Witz und eine ganz eigene Ästhetik aus.

1981 in Apolda geboren, hat sie zunächst eine Ausbildung zur Grafikerin in Regensburg absolviert, gefolgt von einem Kunststudium in Halle, welches sie schließlich an der Bauhaus Universität in Weimar abgeschlossen hat.
Von jeher fällt sie auf mit Werken, die viel Wert auf das Konzept legen und dabei ungewöhnlich frisch, unkonventionell und einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein daherkommen. Egal ob Skulptur, Fotografie, Installation oder Intervention – stets trifft sie den sprichwörtlichen Nagel auf den Kopf. Der Titel der Ausstellung „The other side“ bietet sich dabei hervorragend an, ihr gesamtes künstlerisches Tun zu umschreiben. Die andere Seite, die in erster Linie nicht unbedingt räumlich zu betrachten ist, versinnbildlicht passender Weise, womit sich Cosima auseinander setzt: nämlich das, was man nicht sieht, was verborgen ist – und möglicherweise auch verborgen bleiben soll. Genau diesen Dingen widmet sich Cosima in ihren Werken mit besonderer Vorliebe und kennt dabei keine Scheu oder Angst, diese Ebene zu betreten – mehr noch: man hat das Gefühl, das Erkunden des Verborgenen ist ihr Antrieb. Bevorzugt zieht es sie zu den menschlichen Abgründen, wie etwa in der hier ausgestellten Arbeit „Wie lieb von dir!“ aus dem Jahr 2012 und dringt bis in die Untiefen der Auswüchse unserer vermeintlichen Zivilisation vor.
Porzellan-Barbiebeine, gehüllt in apart feminine Röcke – und damit eine geballte Ladung stereotypischen Schönheitsideals – arrangiert Cosima als Blumenstrauß, von der zumindest die Floristenindustrie behauptet, es wäre die Geste der Zuneigung. In dieser speziellen Kombination schafft sie ein Symbol für die verschiedenen Erwartungshaltungen der Geschlechter an ihr jeweiliges Gegenüber und lässt gleichzeitig über deren Aktualität reflektieren.
Man stelle sich bloß einmal die Situation vor, in der eine Frau einen solchen Strauß erhält – ist es nicht tatsächlich eine Ohrfeige für jeden, dem eine solche Aufmerksamkeit zuteil wird? Zumal doch bereits mehrfach darauf hingewiesen worden ist, dass der Kassenschlager unter den Kleinmädchen-Spielzeugen realiter nicht imstande wäre aufgrund der unrealistischen Körperproportionen zu überleben. Dennoch, und gerade vielleicht deswegen, erfreut sich diese Puppe größter Beliebtheit und trägt die als ideal verstandenen, jedoch unerreichbaren Körpermaße in jedes Kinderzimmer, wo sie die Vorstellungen einer „perfekten Frau“ über die Jahre bis in die Köpfe der schließlich erwachsenen Mädchen begleitet, die es mittlerweile eigentlich besser wissen müssten.
Auf der anderen Seite hätte sicher der ein oder andere Mann nichts gegen eine solche Aufmerksamkeit – ein Dutzend langer schlanker Damenbeine, gehüllt in adrette Kleidung. Es gibt für einen Mann sicher schlimmeres! Und genau hier beginnt das Dilemma zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Während die Frau diese Geste bereits als Beleidigung auffassen könnte, führt sie beim Mann möglicherweise zur Verzückung. Jedoch ist die Reduzierung der Frau auf ein paar Beine Symbol eines überholten, chauvinistischen Denkens – wenn vielleicht auch heimliche Männerfantasie, was die Arbeit „Wie lieb von dir!“ schließlich zum sinnfälligen Ausdruck der aktuellen Verunsicherung beider Geschlechter zwischen Tradition und Emanzipation erhebt.

Ähnlich wie das Nachdenken über längst hinfällige Schönheitsideale sollte auch die Existenz kriegerischer Auseinandersetzungen in unserer heutigen zivilisierten Welt eigentlich zu einem Relikt geworden sein, das man nur noch aus Geschichtsbüchern kennt. Momentan ist das Thema Krieg, wenn vielleicht auch anders genannt, aktueller denn je. Ein Krisenherd tut sich neben dem nächsten auf und es scheint kein Ende in Sicht – Da stellt sich doch die Frage, ob der Krieg zum Menschen dazu gehört. Ist er also Teil des menschlichen Wesens? Damit hat sich Cosima in ihrer Diplomarbeit im Jahr 2012 auseinandergesetzt und im Zuge dessen mit dem Porzellan-Objekt „HGr-E942“ einen sarkastischen Kommentar geschaffen – eine Handgranate aus einem glänzenden, edlen Material, das sofort das Auge anspricht und daher ein wunderbares Deko-Objekt abgeben würde, wäre da nicht dieser lästige Kriegskontext – und so jongliert Cosima ganz locker und ungeniert mit den verschiedenen Widersprüchen, welche die Granate in sich vereint: Ästhetik versus Symbolkraft, Zerstörungspotential der Waffe kontra Fragilität des Materials. Dies alles vereint sie spielerisch in einem Objekt nicht ohne abschließende Pointe, wenn der Betrachter erfährt, dass sich in der Granate Lachgas befindet, das wiederum eine völlig konträre Wirkung zu der der echten Handgranate entfaltet. Jedoch gibt es einen Wermutstropfen: wollte man in den Genuss kommen, das Lachgas erfahrbar zu machen, zöge dies die Zerstörung des wunderschönen Deko-Objektes nach sich.
    Das Thema der Handgranate lässt Cosima nicht los – sind doch ihre Granaten mittlerweile so etwas wie ein Maskottchen geworden. 2014 folgt mit der Emaille-Arbeit „Ananas“ eine Erweiterung, in der sie die Granate ihrer Materialität befreit und sie damit zu einem bloßen Zeichen stilisiert. Die ursprünglichen Exemplare aus Porzellan, die einst zur Ikonisierung geführt haben, lässt sie nun die Überhöhung ihrer selbst anbeten. In der Verharmlosung durch das Wort „Ananas“ zeigt sich aber umso deutlicher ein Charakteristikum ihres künstlerischen Tuns: ihr originärer, bissig schwarzer Humor.
Und zweifelsohne lassen die Granaten in ihrer äußeren Form an eine Ananas denken, jedoch verbietet der Moralist in uns diese Assoziation. Schließlich hat man es hier mit einer tödlichen Waffe zu tun und die gedankliche Verbindung zu einem gut schmeckenden und gesunden Lebensmittel wäre geradezu höhnisch. Cosima, die solche Verbindungen nur allzu gern provoziert, gruppiert, während der Betrachter sich noch zögernd Gedanken über passende Analogien macht, die Porzellan-Granaten in ihrem unschuldigen weißen Gewand um die vor einem matten Blau hervorstechende Angebetete und lässt sie wie kleine Konfirmanden erscheinen, die zu dem Idol – dem Göttlichen – streben.
Doch erkundet Cosima auf ihren künstlerischen Streifzügen nicht nur die Abgründe unserer Zivilisation, auch geografisch hat sie bereits fremde Welten bzw. andere Seiten aufgesucht, wie etwa 2013 auf einer Reise quer durch den Osten von St. Petersburg bis zur – zu diesem Zeitpunkt noch Ukrainischen – Krim. Auch hier offenbart sich das Groteske hinter der vermeintlichen Banalität, das sie etwa in einer Fotoserie festhält. „Der russische Spatz“, so der Titel der Arbeit, den man auch auf einem Foto bewundern kann, zeigt sich durchaus offen für ein Stückchen einer beispielhaft westlichen Speise, der Pommes, die er, auf einem kapitalistisch Konsum-propagierenden Tisch sich befindend, dargereicht bekommt.
Die Fotos, die sich zunächst wie Schnappschüsse generieren, machen Cosimas Talent der genauen, sezierenden Beobachtung sowie ihr Gespür für den Augenblick, in dem sich das Gewöhnliche ins Besondere wandelt, besonders deutlich. Die zwei Herren in legerer Freizeitkleidung etwa, die auf einer Bank vor dem majestätischen Prunkbau des Katharinenpalastes in Puschkin-Stadt sitzen, könnte der Betrachter zunächst als das Bildensemble störend erachten. Jedoch stellt sich heraus, dass besonders der linke Herr zu einem äußerst stimmigen Farbarrangement des Fotos beiträgt, wenn das Gold des Tores und das Blau der Pfeiler mit den auffällig rot-orangefarbenen Streifen des Marken-Trainingsanzuges einen harmonischen Dreiklang bilden.
Die körperliche Erfahrung der Zugreise kann man schließlich an der Arbeit „Seismograf“ nachempfinden. Was zunächst wie eine freie Zeichnung anmutet, in der der Linie Raum gegeben wird, ist tatsächlich eine Aufzeichnung eines selbst hergestellten Seismografs, der die Bewegungen des Zuges während Cosimas Fahrt von St. Petersburg auf die Krim festgehalten hat. Vergegenwärtigt man sich das Auf und Ab der Linien, erhält man eine ungefähre Ahnung, wie komfortabel eine solche Fahrt ist, vor allem, wenn es sich um einen Schlafwagen handelt – das Wörtchen „holprig“ scheint da ein wenig euphemistisch zu sein. Gleichzeitig könnte man bei dieser Linienführung auch geneigt sein, kurz ein, zwei Gedanken an die politische Situation in diesem Lande zu verschwenden.
Nichtsdestotrotz besitzen diese Aufzeichnungen einen hohen ästhetischen Wert, was Cosimas Arbeiten generell zueigen ist. Auch für ihre Emaille-Arbeiten trifft dies zu – ein Material, das seit einiger Zeit Einzug in ihr Schaffen gehalten hat. Während der Fokus ihrer früheren Arbeiten auf der Beschäftigung mit Porzellan liegt, setzt sie sich nun verstärkt mit Emaille auseinander und kommt hier zu ungewöhnlichen Lösungen. Gleichzeitig lässt sich feststellen, dass mit dem Materialwechsel auch eine Verschiebung der künstlerischen Richtung stattfindet. Denn während vor allem ihre Porzellan-Arbeiten direkter und zynischer in ihren Aussagen sind, geht sie in ihren neueren Arbeiten subtiler vor. Diese sind deswegen nicht weniger „gehaltvoll“, vorrangig jedoch minimalistischer im äußeren Erscheinungsbild.
So nähert sie sich der konkreten Kunst an, wie in dem Werk „Mors from Mars“, bei dem auch hier zunächst die äußere Form, also der ästhetische Aspekt, hervorsticht, die jedoch nicht inhaltsleer daherkommt. Und nach wie vor hält sie an ihrer „Strategie“ fest, wenn sie den Betrachter zunächst mit schönen Dingen ködert – edles Material, glatte Oberflächen, ansprechendes Äußeres – während sie ihm gleichzeitig ihre „Medizin“ verabreicht.
So nimmt sie sich des aktuellen Themas der Informationsgesellschaft und dem Bedürfnis eines jeden, alles erfahren zu wollen an, in einer Zeit, die Information als Währung begreift, allen voran die großen Konzerne wie google oder facebook. Der unbedingte Wille danach, auch die letzten Geheimnisse zu erfahren – die andere Seite restlos zu erkunden. Doch ist dies überhaupt möglich? Wissen wir denn etwa, was genau die Künstlerin mit Porzellan und Lack auf die Leinwand gebannt hat? Nein – wir müssen ihr erst einmal glauben, dass die Sätze dort stehen, die der Titel zu beinhalten vermeint – sind doch die wenigsten in der Lage, Morsezeichen zu entschlüsseln. Damit erzeugt Cosima ein Misstrauen, welches zeigt, dass es keine letztendlich gültige Wahrheiten gibt, denn: „Dort könnte ja alles stehen“. Und sofern man nicht des Morse-Alphabets kenntlich ist oder ein intelligentes Telefon bei sich hat, endet die Informationsflut ganz abruppt an dieser Stelle und man gibt sich ausschließlich dem Wohlwollen der Künstlerin hin.
Wenn man sich aber auf Cosima Göpfert und ihr Spiel einlässt – was ich unbedingt empfehle – sich nicht von den schönen Dingen blenden lässt, dann kann der Betrachter in eben jene Gebiete vordringen, zu denen sich Cosima bereits vor einiger Zeit aufgemacht hat und von denen sie immer wieder neu, immer wieder anders kund tut – eben von der anderen Seite.